„Lass‘ dich niemals in deiner eigenen Entwicklung hemmen und aufhalten!“

Die Pollenzeit ist noch nicht vorbei, habe ich bemerkt, als ich draußen auf einer weniger großen und mehr trockenen, als saftiggrünen, Wiese saß. Zuvor natürlich zum Abendbrot Karottensalat. Allergie, nein danke. Aber dagegen kann ich im Moment nichts tun, nur möglichst viel Grün meiden und eben keine Karotten essen. Doch darum soll ich es sich hier gar nicht drehen, denn ich will von einer anderen Entwicklung, als die meiner Allergien, erzählen, oder viel mehr darauf hinweisen und philosophieren.
Ich befinde mich gerade auf Weiterbildung, wenn man es rational beschreiben sollte, dann am Besten so. Bevor ich die vier Stunden Zugfahrt auf mich nahm, habe ich keine Vorkehrungen getroffen, abgesehen vom Packen meines Rucksacks für schlagfertige neun Wochen ‚weg sein‘. Ich habe schlichtweg nicht in Betracht gezogen, meine Erkrankung reden zu lassen und einmal zuzuhören, was sie von der gesamten Ausfahrt und notwendigen Lernphase hält. Hätt‘ ich mal machen sollen. Normalerweise möchte ich mich nicht mit der Borderline Persönlichkeitsstörung, oder auch instabilen Persönlichkeitsstörung, identifizieren. (Genauso wenig mit ihren Symptomen oder meines Traumas.) Doch vielleicht ist es nicht so schlecht, ab und zu mir selbst die Zeit und den Raum zu geben, mir einzugestehen, dass ich nunmal ‚etwas habe‘ und dies meine Aufmerksamkeit und Achtsamkeit verlangt und braucht. Manchmal kommt es mir so vor, als könnte ich ganz tolle Tipps niederschreiben, aber im eigentlich Alltag der Mrs. Pollenleben schweife ich ab, stürme mich in das Früh, Mittag und Abend und stürze dann ab: mit einem Fragezeichen über meinem Kopf und einem großen fetten knalligen Schriftzug „Bäääähhmmmm“. Witzig. Irgendwann pralle ich auf, das kann jedoch dauern und bekanntlich, wie aus Büchern und Filmen, bemerkt man es erst, wenn alles zu spät erscheint. Ich bin psychisch krank und brauche eine extra Portion Pflege? Nicht mit mir!, denkt sich mein Gehirn. Denn im Prinzip geht es mir nur darum von anderen ’normal‘ behandelt zu werden, darum tue ich es mit mir selbst auch, vielleicht weniger als normal. Das ist jedoch kein sinnvoller Umkehrschluss. Denn: mir sollte es nicht unglaublich wichtig sein, 1) was andere von mir denken 2) wie sie mein Verhalten einschätzen. Wenn ich eine extra Portion Pflege brauche, mir sie selbst gebe, dann kann mich jemand Freak, Yogi und Kloppi nennen, ist aber am Ende doch nur mein Problem.
Das wäre aber zu einfach. Tatsache ist, dass ich darauf achte und schlussendlich mich selbst anders behandle, als ich es sollte oder als es gut für mich wäre. Zurück zu meiner zweimonatigen Reise: Ich hätte vor der Reise überlegen sollen, ob ich allein auf ein Zimmer will oder mit jemand anderen, ob es in der Nähe SOS Stellen für mich gibt, mir einen ‚Notfallkoffer‘ mit Skills etc. mitnehmen und auch mit meinen Bezugspersonen darüber reden. Ich habe mich selbst ins kalte Wasser geschmissen, was auch Vorteile mit sich bringt. Jetzt kann ich sehen, was ich mir selbst zutrauen darf und kann. Wie habe ich mich weiterentwickelt? Spüre ich Anzeichen nicht wohltuender Symptome der Borderline Persönlichkeitsstörung (kurz BPS)? Schaffe ich es von allein Skills anzuwenden und welche helfen tatsächlich in der prekären Phase?
So weit, so gut. Neben der BPS gibt es ein Laster, welches ich zwar im Griff habe, aber manchmal schwappt es über mich, dann werde ich panisch, angespannt, fange an zu schwitzen, mein Herz will aus mir heraus hüpfen und irgendwann bekomme ich einen Klos im Hals, der quasi ausgeheult werden möchte. Als ich am Wochenende in der Innenstadt war, kamen unendlich viele Menschen auf mich zu- so viel war ich nicht gewohnt. Ich fühlte mich wie eine Ameise im Haufen, aber eine sehr schwache und dumme Ameise. Die Menschenmassen triggerten die Posttraumatische Belastungsstörung sehr, sodass ich danach mit völliger Erschöpfung im Bett lag und mir wünschte nicht mehr zu existieren, dass ich das nicht ernst meine, kann man mir abnehmen. Aber das Gefühl ist unbeschreiblich miserabel, ich kann es nicht richtig in Worte fassen. Heute geht es mir wieder besser, aber ich gebe es ehrlich zu: Ich habe keine Lust wieder dorthin zu gehen, ich will nicht zu Menschenmassen, ich will nicht zu vielen Männern. Es tut mir wahnsinnig leid ein Geschlecht mit in meine Emotionen zu ziehen, ich meine nicht, dass ich alle Männer mit dunklen Hautton hasse, no way. Aber es triggert mich und das darf ich offen zugeben, zumindest für mich persönlich. Wenn ich also hier, weg von meinen heimischen vier Wänden, merke, dass es mir nicht gutgeht, darf ich darauf reagieren und es ist an der Zeit mir selbst einzugestehen, dass ich ein wenig Selbstfürsorge benötige. Sonst kann ich das Lernen gleich lassen, in den Zug steigen und meine Karriere beenden. Ich muss und will da durch. Ich bin nicht, oder noch nicht, bereit aufzugeben. Da kann man jetzt denken, was man will (okay ja, ich gebe zu mir ist es immer noch wichtig, dass die Leute gut von mir denken, weil mein Selbstwert gerade weg ist).
Eine Dozentin hat die Woche gesagt: „Lass‘ dich niemals in deiner eigenen Entwicklung hemmen und aufhalten!“
Ich mag meine Dozentin. Obwohl sie den Satz mehr im beruflichen Sinne meinte, finde ich ihn prima, um ihn generell zu verstehen und für mich anzunehmen. Er motiviert mich, ein wenig mehr an mich zu glauben. Du bist nicht wie ich, wir sind nicht gleich schnell. Du bist nicht wie er/sie/es und ich bin es auch nicht. Das Vergleichen hemmt mehr, als einer Blockade ins Gesicht zu blicken. Denn die Blockade kann sich lösen, sei es Panik, Angst oder Zweifel. Das Vergleichen schleicht sich als unwillkommener Gast ins Häuschen deines Kopfes und redet deinen Willen nach persönlicher Entwicklung, samt Entscheidungen, Fehler, Erfolge,… nichtig. Es wird immer jemanden geben, der dich nicht gut genug findet, der höher, schneller, weiter kommt. Aber es wird niemals einen Menschen geben, der den Weg nimmt, den du gehst. Ist das nicht gut? Reicht das nicht aus? Es ist doch dufte, dass wir hier, du und ich, ab und zu Fäden in die Hand nehmen können, seien sie noch so dünn.
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich nun die nächsten sieben Wochen überstehen soll. Aber irgendwie wird es sich ergeben und vielleicht ist in drei Tagen alles supertoll. Vielleicht nutze ich Stunden in der Bibliothek, sitze lernend auf trockenen Wiesen und entspanne bei Spaziergängen, statt ins Shoppingwahnzentrum zu gehen. Mehr habe ich dazu erstmal nicht zu sagen.

Ich hoffe, dass dein Sommer schön ist. Du für dich sorgst, es dir gut geht und eine saftiggrüne Wiese vorfindest.


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