Ein Brief an Mama

Liebe Mama, 

der Monat Mai hält viel für uns Menschen in der europäischen Gesellschaft parat. Der Tag der Befreiung wird bedacht und Christi Himmelfahrt gefeiert. Doch eine Sache, die auch Grund für meinen Brief ist, gibt dem Mai die Kirsche auf dem Eisbecher oder für dich gesprochen: das saure Gürkchen, welches dir gut mundet. 

Weißt du noch, wie wir zu Himmelfahrt Mädelstage geplant haben? Ich habe das als Kind gemocht, später in der Phase der heranwachsenden Reife habe ich zwar den Kopf zugemacht und mehr grimmig, als fröhlich, geschaut, aber sei gewiss, im tiefen Inneren konnte ich es immer kaum erwarten mit dir Zeit zu verbringen. Ich erinnere mich an Fahrten, circa eine Dreiviertel Stunde saßen wir beide im Auto und es zog uns in den Norden, wo ein Fast Food Restaurant die Türen für uns offen hielt. Zwar wurde unser Genuss von den ein oder anderen Sauftourist unterbrochen, aber selbst darüber konnten wir später lachen. 

Wenn wir nicht dort landeten, dann aber regelmäßig in einem Center, gleicher Richtung. Wir eilten und schlenderten im Wechsel an Menschen vorbei und kehrten in die Läden, wo Frauen und Männer auf unser Geld warteten. 

Heute gehen wir viel bewusster mit unserem Geld um, aber vielleicht genau deswegen- weil wir gelernt haben, dass nicht das Geld ein Gefühl des Glücks auslöst, sondern das Schaffen gemeinsamer Erinnerungen. Also fahre ich weiter fort, mit ein paar wenigen Erinnerungen, die sich mein Gedächtnis gekrallt hat und fein säuberlich abheftete. Diesen extra Sinn für Ordnung habe ich apropos auch von dir. 

Als Kind habe ich mich echauffiert, weil du bei jedem Fussel und Krümel, bei jedem Fliegenschiss am Fenster und Mottenbiss im T-Shirt zappelig wurdest und am Liebsten alles in Ordnung gezaubert hättest. Aber Mama, es gibt Dinge in Leben, das kannst du deiner kleinen Tochter ruhig glauben, die können wir Menschen nicht ändern und vielmehr lernen zu akzeptieren, dass wir Grenzen haben, die zum erleben und entdecken da sind. Und weißt du was, Mama, viel schöner war es dann, als wir zusammen für Ordnung sorgten. Wenn ich Sonntags die Stofftaschentücher bügeln durfte und dabei das Sonntagsmärchen schaute, war ich froh, dass du mir über die Schulter blinzeltest. Ich wischte sehr ungern die Treppen, aber umso befriedigender war es dir beim Kochen über die Schulter zu blinzeln, oder eher zu starren.

 Damals habe ich noch nicht alles verstanden, tue ich heute auch nicht, aber ich kann hier und jetzt die Last auf deinen Schultern verstehen, die Verantwortung, die du unter anderem für mich tragen musstest und die Schwere an Aufgaben, die Tag ein, Tag aus auf dich im viel zu großen Haus warteten. 

Mama, du hast das mit Bravur gemeistert und dich zu einer starken Frau entwickelt, zu der ich dann aufgesehen habe, auch wenn es ein paar Jährchen dauerte. Du sagst immer, dass ich dir so viel geholfen habe und stark für dich war. 

Sei gewiss, diese Fähigkeit und Fertigkeit habe ich mir auch von dir abgeguckt, denn beim täglichen Starren lernte ich dazu. Um angesehen zu werden oder als Art Vorbild zu fundieren, muss man nicht perfekt sein- bitte nicht. Als ich versuchte perfekt zu sein und für niemanden, nicht einmal mir selbst Ballast darzustellen, ging das ziemlich in die Hose.

Wir wissen beide, wie das in der Realität für mich aussah, und zwar, dass ich immer weniger zum Ansehen wurde. Als Kind habe ich dich immer für deinen Perfektionismus umgarnt, sah deinen schlanken Körper, deinen so mit Liebe vollgepumpten Charakter und dachte mir: so will ich auch sein. Aber wir haben Ecken und Kanten, du bist nicht perfekt, aber bemerkenswert.

Meine Macke unsichtbar werden zu wollen, um dann perfekt und keine Last zu sein, führte zum Krieg zwischen und um uns herum. 

Du gibst dir heute oft die Schuld, ich will sie dir nehmen, indem ich verzeihe. Aber ich verzeihe nicht dir, weil du mich in die Psychiatrie getrieben hast, das stimmt nämlich nicht, sondern ich verzeihe mir selbst, dass ich dir das angetan habe und jahrelang dachte der Grund für deine Tränen und dein Alleinsein zu sein. 

Mama, verzeihe dir selbst. 

Wir haben beide unser Häufchen und müssen selbst den Besen dafür in die Hand nehmen, aber eine Schuld auszusprechen, macht die Haufen nur größer und robuster. Du bist nicht daran Schuld, dass ich erkrankte und du hättest mich auch nicht aufhalten können, so schmerzhaft diese Worte auch sein mögen. Ich hätte Wege und Mittel gefunden, um mir selbst zu schaden. Dich an meiner Seite zu wissen, egal wie und wo, half mir sehr. 

Mama, manchmal braucht es keine Lösungen, Tipps oder Weisheiten. 

Das klingt wie ein Kalenderspruch, aber manchmal reicht auch ein offenes Ohr und (imaginäres) Nicken. Die Anteilhabe, die wir Menschen geben können, ist viel mehr als ein Gürkchen oder eine Kirsche. Es ist die Bedingung eines Wesens, welches sich als sozial bezeichnen möchte und Empathie in sich trägt. Wenn wir am Leben eines anderen teilhaben dürfen und andere bei uns selbst die Türen öffnen, erleben wir ein Geschenk, das kaum ein Dichter in Worte verpacken kann. 

Es ist mir eine Ehre an deinem Leben teilzunehmen, dir ein offenes Ohr parat zu halten und deines nie missen zu müssen. 

Egal, wo wir uns gerade herumtreiben. Egal, wie groß unser Häufchen nun ist. 

Wir sind vor wenigen Jahren beide durch die Hölle gegangen, du sogar öfter und auf auch auf anderen Wegen, aber sieh’ uns an: wie wir jeden Tag den kaffeetrinkend philosophieren können und selbst in gar düsteren Zeiten einen goldenen, leuchtenden Fussel entdecken. Ich erinnere mich daran, wie du mich als Skelett am Waschbecken säubern musstest, weil ich nicht aufstehen und Energie verlieren durfte. Es war, als wäre ich wieder ein Baby gewesen und das war ich. 

Ich bin dein Kind und fühlte mich trotz der Tränen bei dir in deiner Nähe Zuhause und geborgen. Ich wollte nicht, dass du gehst, dass du mich so schutzlos und ohne Kraft allein lässt. Heute, liebe Mama, weiß ich, dass du mich nie allein gelassen hast. Ich habe dich manchmal weggestoßen, aber du mich nicht. 

Der goldene, leuchtende Fussel ist jener, dass diese Zeit uns zusammengerauft hat. Du bist viel feinsinniger geworden, erkennst sofort, wenn es mir nicht gut geht, selbst, wenn du mich nicht siehst oder hörst. 

Und ich weiß es mehr zu schätzen eine Mama, wie dich zu haben. Die mich fordert und fördert, die mich anhält, wenn ich in die falsche Richtung fahre, denn mein Kopf an der Wand ist langsam eintönig geworden. 

Wir haben Grenzerfahrungen gemacht, wir haben uns kennengelernt und das hatte vor allem eins als Nebenwirkung, dass wir uns beide akzeptieren, wie wir sind. 

Oh weh, wie ich dich manchmal am Telefon verflucht habe, wie du wegen mir am Boden zerstört warst. Wie ich dich unzählige Male weinend anrief und ich Zeilen für und über dich schrieb, wie hier in diesem Brief. 

Die Rollen einer Mutter und Tochter mögen bei uns ab und an vertauscht sein, doch mir schleicht sich der Gedanke ein, dass dies auch zum positiven genutzt werden kann. Ich lernte selbstständig zu sein und weiß mich auf dich zu verlassen. Du hast so krampfhaft versucht mich zu verstehen, dass spürbar das Leid auf dich überschwappte und das tut mir leid. 

Doch hör mir zu, Mama, mir geht es gut. 

Auch wenn ich meine eigenen Wege asphaltiere, dennoch lieber barfuß durch den Sand marschiere, auch wenn ich zu viel Kippen anzünde und beschissenes Verhalten und schwarze Gedanken begründe, auch wenn ich vor deiner verschlossenen Tür liege, bei dir aber, so schön wie es ist, jede Emotion hinkriege, ich hege wunderprächtige Erinnerungen, die ich dir zu verdanken habe. 

Dir ein Stück meines Herzens im Süden von Spanien zu zeigen, war gleichzeitig eine Möglichkeit, dir ein Stück von meinem Inneren zu zeigen. Denn der Ort ist besonders, wie du es selbst nun sagst. 

Es weht kein Wind, sondern Freiheit durchströmt die Lungen. Dort zieht man nicht die Brauen zusammen, sondern ergibt sich den fröhlichen Strahlen, sodass die eigenen Mundwinkel es dem gleich tun. Sie strahlen. Und ich habe dich strahlen gesehen, was mir sehr viel bedeutete. 

Für mich war es wie ein Dankeschön für dich, so betrachtete ich unsere kleine Reise. 

Liebe Mama, 

heute, im Mai, ist Muttertag. Das ist das saure Gürkchen in deinem Kühlschrank. Das ist der Grund für diesen Brief und anlässlich des gefeierten Tages möchte ich dir erneut ein Danke schenken.

Danke, dass du mich seit Jahren begleitest und dir meine Wege genauer betrachtest.

Danke, dass du mein Leben nicht vereinfachst, sondern bereicherst. 

Mit ganz viel Kaffeeglück und Ordnungsliebe,

deine, jetzt sehr melancholische und grinsende Tochter 

Anne 

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